Drang zur Verwandlung


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W. A. Mozarts Symphonie Nr. 40 in g-moll mit Gebhard von Gültlingen

Es erscheint mir zwar unmöglich, das reiche, tiefe und bereichernde Geschehen dieses Wochenendes auch nur annähernd den Lesern zugänglich zu machen, und doch möchte ich einfach ein paar Gedanken – die glaube ich grundsätzlich sind – und Erfahrungen die subjektiv sind, versuchen darzustellen.

Gespannt auf die Möglichkeit, einmal eine ganze Symphonie zu arbeiten – meint natürlich musicosophia-meditations-mässig – bin ich mit der Bereitschaft zur Verwandlung (also noch nicht Drang) in dieses Wochenende eingestiegen. Gebhard begann mit uns den 2.Satz Andante schrittweise, gründlich, wiederholend und mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen durchzugehen. Die erste Verwandlung machte ich schon am Freitagabend durch, als ich die Situation so einschätzte, dass wir wohl kaum die ganze Symphonie angehen werden.

Und so war es denn auch. Da der 2.Satz der entscheidende sei, haben wir mit ihm auch am Samstag weitergemacht, bzw. hat er uns weiter beschäftigt. Und erst am Sonntag taten wir noch einen genial geführten Einblick in den ersten Satz.

Und wenn ich arbeiten, durchnehmen, weitermachen sage, so heisst das, dass wir schrittweise in die Sprache dieses Opus einstiegen, dass mir die Musik immer mehr zur Sprache wurde, dass die Töne, melodischen Kräftebewegungen, die Aktivitäten der verschiedenen Instrumente usw. immer mehr zu einer Mitteilung wurden. Und um diese wenigstens ahnungsweise entgegennehmen zu können musste ich, durfte ich mein Verständnis von Musik-Meditation grundsätzlich verwandeln.

Es steht zwar im Flyer und an vielen andern Orten was mit Musikmeditation gemeint ist. Und Gebhard brachte es – in einem sehr entscheidenden Moment – nochmals klar zu Bewusstsein: Musikmediation ist:
I. Ebene: 1. Stille, 2. Singen, 3. Fragen
II. Ebene: 4. Bögen, 5. Abc /ABC, 6. Linien
III. Ebene: 7. Gebärde (Die Hand nimmt wahr), 8. Verstehen / Sinn, 9. Stille.

Und immer wieder hören, nochmals hören, vielleicht auch nur abschnittweise hören . . .

Und so haben wir gearbeitet. Aus dem „üblichen, gesellschaftlichen, heute gängigen“ Zusammenhang und Verständnis heraus ist Meditation vor allem „in sich hören, warten, Kopf ausschalten“ usw. Aber bei Musicosophia glaube ich, dass eben beides zusammen gehen sollte, um in die Musik, in die Sprache der Musik, in die Welt der Musik hineinzukommen. Auf der II.Ebene ist man vermeintlich eher intellektuell, kopf-aktiv. Aber kann man nicht in meditativer Haltung Bögen, Linien suchen, Abschnitte bezeichnen, Abschnitte vergleichen. Ich machte dieses Wochenende die Erfahrung, dass wenn ich nicht „buchhalterisch“ und „mathematisch“ daran gehe, sondern „musicosophisch“, mir die Aussage von Furtwängler klar wird: „Die Musik ist – was die meisten heute nicht mehr wissen – nicht eine Aufeinanderfolge von Tönen, sondern das Ringen von Kräften“.

Und am Montagvormittag habe ich zu Hause diesen 1. + 2. Satz ohne jede Unterlage wieder gehört und war überwältigt, betroffen, erschüttert. Ich hatte das Gefühl und die Wahrnehmung, dass diese Musik im Kopf und Herz angekommen ist. Dass einiges dieser Musik mich erreicht hat oder eben dass ich für einiges dieser Musik empfangsbereit war.
Das lässt mich den Schluss ziehen, dass die Arbeit fruchtbar war, wirksam, wenn auch vielleicht in einem für „Choleriker“ etwas langsamen Prozess. Und immer wieder haben die Seminarleiter uns ans Herz gelegt: Die Musik hat immer eine Wirkung auf uns, ob wie sie wahrnehmen oder nicht. Um einfach ein Beispiel anzufügen, wie dies auch dieses Wochenende wiederum sich bewahrheitet hat: Vor allem der Beginn des 2.Satzes dieser Symphonie spricht von in uns aufsteigenden Kräften oder einem „Sich-öffnen“ um das von oben Kommende aufnehmen zu können. Seit Montag höre ich diesen Satz täglich und es fand und findet in mir genau dieser Prozess statt. Vor diesem Wochenende mir unbewusste Vorstellungen über „Mensch und Welt“ werden in mir wach und verwandeln meine Sicht des Lebens und Zusammenlebens. Und damit mich selber.

Und zwei wichtige Erfahrungen kommen noch hinzu: Wo man mit der Musikmeditation ankommt ist individuell! Und weil es individuell ist, spielt das Wissen, die Erfahrung mit Musik und vielem andern im Leben entscheidend mit, was, wieviel und wie ich wahrnehme. Und da hat uns Gebhard viel Anregendes, Öffnendes und Bereicherndes angeboten. Danke!
Hugo Jäggi

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