EINE BEGEGNUNG MIT DER MUSIK VON HEINRICH SCHÜTZ


 

Die Teilnahme am Seminar

Als meine Frau und ich im Frühling 2013 die Organisation der Musicosophia-Seminare in Zürich übernahmen, setzten wir uns zum Ziel, wenn immer möglich, nie ein Seminar absagen zu müssen.
Das ist uns bisher gelungen, diesmal aber lag das Scheitern nahe, ganze sieben Personen meldeten sich für das Seminar an. Viele von denen, die bisher teilnahmen, mussten sich mit einleuchtenden Gründen abmelden und am Vortag der Durchführung erkrankte zudem eine Person.
In Absprache mit Renate Schwab entschieden wir uns trotzdem für die Durchführung, beschränkten allerdings das Seminar auf den Samstag, um damit die Kosten zu senken. Die Befürchtung, dass die kleine Zahl der Teilnehmenden sich auf die Qualität der Diskussion zur Musik negativ auswirken könnte, bewahrheitete sich jedoch nicht. Auch wenn nur wenige am Seminar teilgenommen haben, für sie bleibt das Seminar eine beglückende und bereichernde Erinnerung.
Die Suche nach Interessierten ist eine Tätigkeit, bei der Aufwand und Erfolg nicht „immer“ in einem guten Verhältnis stehen. Trotz Dutzenden von aufgehängten Plakaten und zahlreichen persönlich zugestellten Einladungsschreiben mit beigelegten Flyern ist Zürich ein „hartes Pflaster“ für diese Art von Seminaren. Die Unterstützung der Teilnehmenden mit persönlicher „Werbung“ könnte sehr hilfreich sein.

Die Person des Heinrich Schütz

Heinrich Schütz (1585 – 1672) gilt als der bedeutendste deutsche Komponist des Frühbarocks. Zunächst wird er zum Organisten ausgebildet; er absolviert dank eines Stipendiums des Landgrafen von Hessen-Kassel ein dreijähriges Studium bei Giovanni Gabrieli in Venedig. Nach Kassel zurückgekehrt, beruft ihn Landgraf Moritz zum zweiten Organisten. Einige Jahre später tritt er in den Dienst des sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. in Dresden und wird später Kapellmeister am sächsischen Hof, eine Funktion, die er bis zu seinem Lebensende innehat.
In seiner Frühzeit komponiert Schütz Madrigale in italienischer Sprache, dann vor allem geistliche Vokalmusik zu lateinischen, besonders aber zu deutschen Texten. Seine Musik ist bestimmt für die Hofgottesdienste, aber auch zu höfischer Unterhaltung und Repräsentation. Als seine dienstliche Hauptaufgabe sieht er die Bereitstellung von Musik zu aussergewöhnlichen Anlässen wie grossen Hoffesten oder politischen Ereignissen.
Im hohen Alter von 87 Jahren stirbt Heinrich Schütz und wird in der Dresdner Frauenkirche beigesetzt. Mit ihrem Abriss 1727 geht allerdings seine Grabstätte verloren; nur ein im Kirchenboden eingelassenes Gedenkband in der heutigen Frauenkirche erinnert an diesen ersten deutschen Musiker von europäischem Rang. (Geschrieben unter Zuhilfenahme von https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Sch%C3%BCtz).

Das Seminar

Aus dem umfangreichen Werk von Heinrich Schütz werden im Seminar allerdings „nur“ drei Ausschnitte vertieft bearbeitet und zwei längere angehört. Frau Renate Schwab erzählt, dass sie in ihrer Jugendzeit Mühe mit der Musik von Heinrich Schütz gehabt habe, vor allem mit den immer wieder wiederholten Psalmenvertonungen. In der Vorbereitung für das Seminar setzt sie sich nun wieder und vertieft mit seiner Musik auseinander und findet einen neuen Zugang zu ihr.

Eingangs spielt Renate Schwab dem Seminar die nur 3 Minuten und 39 Sekunden dauernde Motette „Herr, wenn ich nur Dich habe“ vor. Wegen ihrer Kürze und den noch kürzeren musikalischen Abschnitten kann das Stück von den Teilnehmenden nach mehrfachem Hören „begriffen“ und verinnerlicht werden. Beim nächsten Stück, der Motette „Also hat Gott die Welt geliebt“, (SWV 379), ist das Erfassen und Strukturieren um vieles anforderungsreicher, auch wenn es nur unwesentlich länger ist (4 Minuten, 21 Sekunden). Der Text wird von zwei Chören zu je vier Stimmen vorgetragen, die Melodien sind polyphon so meisterhaft ineinander verwoben, dass sich das Auseinanderhalten und später das Aufzeichnen der Melodielinien als schwierige Aufgabe erweist.

Diese Motette ist vergleichbar einem farbig gewobenen Teppich, der zwar keine klare Musterung erkennen lässt, dessen farbliche Komposition aber stimmig und beeindruckend bleibt.
Anschliessend beschäftigen sich die Teilnehmenden mit einer ganz andern Art „Schützscher Musik“, den „Musikalischen Exequien“, (op. 7, SWV 279 – 281). Das fast eine halbe Stunde dauernde „Concert in Form einer Teutschen Begräbnis-Missa“ beruht auf Bibeltexten und andern Texten. Diese hat Schütz selber ausgesucht und zusammengestellt, z. B. „Ach, wie elend ist unser Zeit allhier auf dieser Erden, gar bald der Mensch darnieder leit, wir müssen alle sterben, allhier in diesem Jammertal ist Müh und Arbeit überall, auch wenn dirs wohl gelinget.“

Besonders berührend ist die abschliessende Beschäftigung mit der Motette zum Psalmtext 23: „Der Herr ist mein Hirt.“ Heinrich Schütz, der etwa hundert Jahre nach Martin Luther im Ursprungsgebiet der Reformation lebt, muss vom Text des Psalms tief betroffen gewesen sein, um eine so berührende Musik zu schreiben. Es ist anzunehmen, dass ihn vor allem die geniale Übersetzung des Psalms durch Martin Luther überzeugt hat. Ein Vergleich des Luthertextes mit einem Ausschnitt aus der „Zeinerbibel“ um 1475 macht augenfällig, welche Kraft die Übersetzung Martin Luthers hat: „Der Herr ist mein Hirte, / Mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auff einer grünen Awen / Und füeret mich zum frisschen Wasser.“ In der Zeinerbibel klingt der gleiche Ausschnitt recht hölzern und auch schwer verständlich: „Der herr regieret mich, und mir gebrist nichts: und an der stat der weyd da satzt er mich. Er hat mich gefüeret auff dem wasser der widerbringung, er bekert mein sel.“

Zum Schluss wollen wir die Gelegenheit ergreifen, allen Leserinnen und Lesern dieses Beitrags eine sonnige Frühlingszeit und frohe Ostern zu wünschen.
Irmgard und Dr. Robert Walpen

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